Ein überzeugender Engpass?

Selbst in einem produktions-orientierten Unternehmen muss der Engpass nicht unbedingt eine Maschine sein 

Der erste Schritt bei der Anwendung der Theory of Constrains (TOC) sowie des Critical Chain Projektmanagement (CCPM) ist die Ermittlung Ihres Engpasses. Da sich alle weiteren strategischen Schritte auf den Engpass beziehen, muss hier besondere Sorgfalt angewendet werden.

Die fünf Schritte der TOC sind Ihnen sicherlich bereits bekannt: 
  • Identifiziere den Engpass
  • Nutze den Engpass optimal aus
  • Ordne alles andere dieser optimalen Nutzung unter
  • Erweitere den Engpass
  • Wenn sich der Engpass verschiebt, beginne den Prozess von vorn. Trägheit darf nicht zum Engpass des Systems werden!

Wie Sie sehen, ist jeder dieser Schritte auf den Engpass ausgerichtet – daher ist es für die Umsetzung zwingend notwendig, diesen gleich korrekt zu identifizieren.

Zudem lehrt uns die TOC, dass Verbesserungen an anderen Stellen als dem Engpass wenig oder gar keinen Effekt haben – ein weiterer Grund, den Engpass korrekt zu ermitteln!

In Goldratts wegweisendem Buch ‚Das Ziel‘ sieht sich die Hauptfigur Alex Rogo mit dem Gegensatz zwischen Leistungssteigerung in einem Produktionsbereich und  Leistungssteigerung der gesamten Fabrik konfrontiert. Rogo muss erkennen, dass eine Leistungsverbesserung um 36% eines einzelnen Bereiches – durch den Einsatz von Robotern – keinerlei Auswirkung auf die Gesamtleistung der Produktionsanlage hat.

Durch die Leistungsverbesserung in einem “Nicht-Engpass-Bereich” hat Rogo lediglich den Work in Process (WIP) erhöht, nicht aber die Effizienz des Unternehmens. Unter der Anleitung seines früheren Mentors macht sich Rogo also daran, den Engpass der Anlage zu identifizieren – in diesem Fall eine bestimmte Herstellungsmaschine, die “NCX-10”.

Dieses konkrete Beispiel erleichtert es dem Leser, die Idee des “Engpasses” zu visualisieren: man kann sich leicht den Weg der Einzelteile durch die Fabrik vorstellen und den Stau der Bauteile vor dieser spezifischen Maschine.

Doch wie ist es in anderen Unternehmen, wo der Engpass nicht so leicht bildlich darzustellen ist – wo es sich eben nicht um eine Maschine mit einer Anhäufung an Bauteilen davor handelt?

Vor einer Weile arbeiteten wir mit einer Klinik zusammen, die ihre Leistung in einem bestimmten Service-Bereich verbessern wollte. Die Fachärzte hielten sich selbst für den Engpass, die Anästhesisten ebenso. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Betten  der eigentliche Engpass waren. Durch den Einsatz eines „Bettenmanagers“ und eine Reduzierung der langfristig terminierten Buchungen konnten wir Absagen und Umbuchungen verringern, die Operationen außerhalb der regulären OP-Zeiten drastisch reduzieren, die Mitarbeiter entlasten und den Durchlauf erheblich steigern.

In diesem Beispiel war der Engpass – so unwahrscheinlich er den Mitarbeitern auch erscheinen mochte – weiterhin ein physisches “Objekt”. Das muss jedoch wie gesagt nicht immer der Fall sein.

In einem Produktionsunternehmen, wo wir ebenfalls tätig waren, stellte sich der Engpass als das Verhältnis zum Kunden heraus. Wie war es uns möglich, diesen Engpass zu identifizieren?

Das Unternehmen hatte Vertrauen und Glaubwürdigkeit bei Kunden wie Zulieferern verloren, was eine direkte Auswirkung auf Leistung und Nachfrage hatte. Der Effekt auf die Nachfrage ist leicht nachzuvollziehen; zudem war die Leistung des Unternehmens beeinträchtigt, weil Zulieferer unsere Bestellungen nicht priorisierten. Bauteile und Rohmaterialien wurden zu spät geliefert – mit den entsprechenden Folgen für die Aufträge unserer Kunden. Im Einkauf konnten keine Rabatte verhandelt werden, was die Gewinnmargen verringerte. Das Vertrauen  sowohl der Kunden wie der Zulieferer musste wiederhergestellt werden, damit das Unternehmen wieder leistungsfähig sein konnte.

So kann selbst in einem produktions-orientierten Unternehmen der Engpass etwas anderes sein als eine physische Produktionsanlage. Daher ist es unerlässlich, das Unternehmens als Ganzes sorgfältig zu analysieren, um den Engpass korrekt zu identifizieren.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass Alex Rogo und sein Team mehrere Tage benötigten, um ihren Engpass zu finden. Den Aufwand ist es wert: nur wenn die Verbesserungsschritte sich auf den korrekten Engpass ausrichten, können Sie optimale Ergebnisse erreichen.

Dabei geht es nicht nur um finanzielle Ergebnisse, sondern auch um höhere Arbeitsplatzsicherheit, zufriedenere Kunden und natürlich zufriedenere Geschäftsinhaber oder  Aktionäre.

Mit Aufgeschlossenheit und Ausdauer erreichen Sie Ihr Ziel – und Sie werden vielleicht überrascht sein, was Sie dabei entdecken!

 

Der Artikel ist auch in English verfügbar.

OBEN